Während des sich langsam entfaltenden Endes eines Paradigmas, das in unserem Fall nicht wenige KommentatorInnen die Krise des Hyperkapitalismus genannt haben, gibt es typischerweise einiges an Unvorhersehbarkeiten, ungerichteten Entwicklungen, Spekulationen, Aufgeregtheiten, zyklischem Wiederauftauchen von vermeintlich Vergessenem und Überholtem, bizarrem Festhalten am Althergebrachten trotz unübersehbarer Zeichen für dessen Ende, zahlreiche Rufe sowohl nach einer Tabula rasa wie auch nach Reformierung des Alten, fast klischeehaft anmutende Wiederholungen von Geschichte, alte Bekannte in neuen Rollen und noch einiges mehr an bizarren Wendungen.
In so einer Zeit machte er sich auf, einigen jener Spekulationen, Verwirrungen und Klammerungen nachzuspüren. Er benutzte dafür ein Medium, das zu dieser Zeit in der Regel Kunst oder etwas allgemeiner ästhetische Praxis genannte wurde und interessierte sich dabei vor allem für so partikulare Ausprägungen wie Installation, Video, Skulptur oder auch etwas, das sich Ambiance oder Environment nennen ließe. Unter anderem in extra für die Präsentation von Kunst unterhaltenen Räumen, wie Museen, Kunsthallen, -zentren, -galerien oder -vereinen, Projekträumen und Offspaces zeigte er, was er zu ihm relevant oder merkwürdig oder unklar erscheinenden Phänomenen zusammengetragen hatte. (...)

Die angstvolle Reise 2,

Digitaldruck bemalt mit fluoreszierender Acrylfarbe 74,3 x 106,7 cm, Seifenspender mit Desinfektionsmittel versetzt mit UV-aktivem Glitzerpulver, LED UV-Lampe.

(...) Diese Präsentationen nannte man Ausstellungen und die Tätigkeit ausstellen. Wichtig bei solchen Ausstellungen war, dass es gelang, eine Spannung zwischen inhaltlicher Bestimmung und formaler Gestaltung zu erzeugen. Dadurch erhoffte man sich einen neuen Blick auf vermeintlich fest im soziokulturellen Kontext verankerte Entitäten oder Zusammenhänge, mit entsprechenden Wertzuschreibungen und Funktionen. Solch ein neuer Blick und die dadurch möglich gewordene Neuverhandlung der Zuschreibungen von Beziehungen, Dingen oder Handlungen sprach der Praxis Kunst ein gewisses politisches Potential zu. Er interessierte sich mehr für die abenteuerlichen Verwirrungen zwischen unterschiedlichem Denken und Tun und Objekten oder Gesten und die völlig unvorhersehbaren Situationen und Perspektiven, die daraus entstehen konnten. (...)

Joyride,

Defekte E-Scooter, teilweise bearbeitet, jeweils mit Stahldraht-Abschleppseilen an Betonschirmständern befestigt.

(...) Seit einigen Monaten lebte er in relativer Abgeschiedenheit in einer Gemeinschaft auf den Dächern zweier ehemaliger Wohnhaustürme. Deren Quasi-Autonomie war wohl einerseits der Verstecktheit der recht diffusen und als nicht mehr sicher geltenden Zugänge unter dem großen Wohnensemble und dessen ohnehin sehr verwinkelter Architektur geschuldet. Andererseits zeitigten aber nicht zuletzt wohl auch die unbrauchbar gemachten Fahrstühle, die verbarrikadierten Treppenhäuser und die herabgestoßenen Betonteile sowie immer wieder die Drohung, die überall im Gebäude angebrachten Sprengladungen zu zünden und so den halben Stadtteil in Schutt und Asche zu legen, ihre Wirkung und hinderten die meisten Leute daran, die neu gewonnene Idylle zu stören. Und auch der Ruf des aus den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts stammenden Wohnkomplexes, der von seinen Bewohnern nur noch Land of Iz, K2, Beachtown oder die Festung genannt wurde, verschreckte mögliche Eindringlinge. Hier lebten vor allem sogenannte Autonome, Linksradikale, Spinner, New Age Travellers, Flüchtlinge und Aussteiger, die seit etwa 10 Jahren aus aller Welt in die Festung strömten und sich mit den letzten Bewohnern zusammengetan hatten. Er genoss diese Abgeschiedenheit oben in den zwei nur über Hängebrücken miteinander verbundenen Türmen sehr. Es mangelte an nichts, es gab Gärten, eine eigene Schule, genug Leute, die für Unterhaltung sorgten. Sonne, Wasser und viel Zeit. (...)

You’ll never walk alone,

Video 06:23 min.
Videocollage aus VFX Demomaterial, Werbepostern und zeitgerafften Aufnahmen von Pflanzenwachstum.

(...) Seine Zeit dort verbrachte er vor allem damit, sich um eine Ameisenkolonie und seine zwei Kinder zu kümmern.
Ab und an stieg er hinab auf das Straßenniveau und wanderte durch einen der nahebei liegenden Straßenbasare. Die mit kleinen improvisierten Ständen angefüllten Gänge solch eines Basar wurden flankiert von so unterschiedlichen Etablissements wie Saftbars, kleine Bühnen, Spielhallen, E-Technik- und Motorenschraubereien, Webereien, Pilzfarmen und andere, meist auf außergewöhnliche Funktionen und Tätigkeiten spezialisierte Räume. Hier ließ sich so ziemlich alles Denkbare und Undenkbare auftreiben, was ihm sehr gefiel. Er liebte es sich die überdrehten Geschichten anzuhören, warum dieses Ding unbedingt von ihm erworben werden musste, woher dieses Teil, auf das er sein Auge geworfen hatte stammte, was diese neuartigen und sehr schwierig zu bekommdenen Substanzen mit seinem Körper machen würden, was für neue undenkbare technologisch-biologische Hybride sich die Bricoleure im Süden hatten einfallen lassen und anderen Gerüchten zu lauschen. (...)

Evolution Bumper Stickers,

Video 06:18 min.
Mit Musik unterlegte Sammlung von Vektorgrafiken, die eine vereinfachte Darstellung der menschlichen Evolution zeigen, gipfelnd in verschiedenen Lebensstilen. Musik von Vatican Shadow (Hospital Productions 2013).

(...) Von den Dächern der Wohntürme hatte er auch einen guten Blick auf einen Brache zwischen zwei Blöcken gehabt, in dem eine neu-kirchliche Amazonengemeinschaft mit einem Faible für festliche Zusammenkünfte ihr Zeltlager aufgeschlagen hatte. Insbesondere die selbst erfundenen Rituale, die dort recht regelmäßig abgehalten worden sind, hatten es ihm damals angetan. Eines davon, wohl angelehnt an vormoderne Sonnentänze nordamerikanischer Indigener, hatte darin bestand, auf an einem in den Boden gerammten Pfahl festgebundenen E-Scooter solange wie möglich im Kreis zu fahren, ohne dabei von den drumherum-stehenden und wild johlenden Kriegerinnen mit Stöcken von dem Gefährt herunter geschubst zu werden. Dazu ist sehr laute, rhythmisch-perkussive und eintönige Musik gespielt und die ganze Szenerie mit farbigem Nebel eingehüllt worden, der aus kleinen am Boden liegenden Maschinen herausgezischt kam. (...)

Message to your 40-year-old self,

Video 06:38 min.
Sammlung von YouTube-Videos junger Menschen, die Botschaften an ihr zukünftiges Selbst richten. Abgespielt auf einem iPad, montiert an einem defekten Golftrolley.

(...) Führten ihn seine Streifzüge doch einmal weiter weg von der näheren Umgebung seines Refugiums auf den Dächern, so des öfteren in Kaufhäuser, manche noch funktional, manche nicht mehr. Ein noch funktionales, sehr großes dieser Häuser, das sich auf technologische Hilfsmittel und Spielzeuge spezialisiert hatte und mit dem Namen The Saturn auf kosmologische Zusammenhänge anspielte hatte es ihm besonders angetan. Dort verbrachte er viele Stunden vor den Wänden aus Screens, zwischen engbehangenen Gestellen und Regalen, in der Kantine oder vor der Live-Bühne und studierte die Arten und Weisen, wie die Waren präsentiert wurden, die Logistik des Gebäudes, den Habitus der Verkäufer, der Kunden, der Sicherheitsdienste, der Putzmannschaften, der Streuner, der Obdachlosen, der Wichtigtuer und der Rechercheure. (...)

Handy,

14 cm x 7 cm, 50 getöpferte Unikate mit wechselnden Glasuren.

(...) In einem anderen, noch größerem, nicht mehr funktionalen und schon relativ verfallenen Einkaufskomplex, den einige seiner Freunde entdeckt hatten, hatten sie alle zusammen für einige Zeit ihre eigene Version einer Verkaufspräsentation aufgebaut, eben eine sogenannte Ausstellung. Darin boten sie aber keine Waren feil, vielmehr stellten sie die Dinge in einen anderen Zusammenhang, überspitzten Präsentationsformen, stellten Dinge zueinander, die eigentlich nicht zusammen-passten, zweckentfremdeten Displays, dekontextualisierten Filmsequenzen und montierten sie so zusammen, dass sich neue oder mal mehr, mal weniger verfremdete Geschichten ergaben oder stellten Geräte einfach frei und ließen sie derart ihre Funktionen ausüben, ohne dass sie jemals ihren Zweck erfüllen konnten. (...)

Zen,

15 x 12 m geharkter Sand auf der Grundfläche des leeren Pools, Live-Übertragung der vorhandenen Überwachungskameras auf Leinwand, Federzeichnung “Nur die Harten“, Tinte auf Polypropylen Malgrund 21 x 29,7 cm.

(...) Vor dieser Zeit hatte er mit zwei Babies, seiner Partnerin und der damals noch recht jungen Ameisenkönigin längere Zeit in einer Gartenkolonie gelebt. Dort hatten sie, nachdem sie den alten Keramikofen wieder in Gang gebracht hatten, eine Weile aus der Mode gekommene Konsumfetische aus Ton gebrannt und diese an der Straße oder manchmal auch auf einem Straßenbasar verkauft. Nachdem sie damit einen gewissen Erfolg hatten, haben Andere damit begonnen ihre alten 3D-Drucker ähnliche Formen ausspucken zu lassen. Ab diesem Zeitpunkt zahlte sich die Arbeit am Ofen dann schon bald nicht mehr aus. (...)

Kriegserklärung,

Videoschleife 03:28 min, Videoschleife auf MP3-Video-Player 00:11 min.

Videoclips, die den Einsatz von Kunstnebel in Großraumdiskotheken und Alarmanlagen dokumentieren, gebeamt auf eine Rückprojektionsfolie, unterlegt mit meditativer Didgeridoo Musik aus externem Lautsprecher.

(...) Ganz in der Nähe dieser Gartenkolonie gab es einen Park, der einem Paar reicher aus England stammender Oligarchen gehörte. Während seiner regelmäßigen Spaziergänge hatte er den Gärtner des Parks kennengelernt und die beiden freundeten sich allmählich an. Nachdem er von seiner Leidenschaft für Arrangements von Dingen und Überlegungen erzählt hatte, kam die Idee auf, ein altes und nicht mehr benutztes Poolhaus im Park zu bebauen. Zusammen mit einigen Freunden schaufelten sie viele Säcke Sand in das ehemalige Schwimmbecken und harkten dort – zur großen Freude des Gärtners – die Buchstabenkombinationen NUR DIE HAR TEN hinein. Über dem mit Sand gefüllten Becken hängten sie zudem eine von den Bildern der Überwachungskameras gespeiste Projektion auf, in der Hoffnung ein Feedback der verschiedene Erden und deren Arrangements zu erzeugen. Seitdem trafen sich dort vermehrt kleinere Gruppen, manche eher kybernetisch-lebensreformerisch informiert, andere mehr apokalyptisch-erlösungs-fanatisch orientiert. Zu bestimmten Zeiten fanden dort sehr inspirierende Diskussionen statt. (...)

Exit Art,

Video 10:43 min, Stand mit Informationsmaterial und Video. www.exit-art.eu

(...) Neben einem Video von Jugendlichen, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihrem zukünftigen, dann 20 Jahre älterem Selbst Ratschläge erteilten – in dem nicht klar war, ob er selbst auch unter diesen Jugendlichen war, der sich für die Zukunft wünschte, offen und positiv zu bleiben und immer auf das Gute zu vertrauen – das sich im Anhang dieses Berichts anschauen lässt, fanden sich im Folgenden einige nicht mehr eindeutig zuordenbare Fragmente sogenannter Messages, die in den Speichern einiger Kommunikatorinnen gefunden worden sind:

“inzwischen ist übrigens ebayKleinanzeigen mein Hauptmedium“
“ach so, warum?”
“das ist weniger krawallig, ich ertrage diese ganzen menschenmengen nicht mehr so gut”
“[emoji]”

“Plötzlich waren wir umgeben von billigen Kippenberger-rip-offs, voll von dieser fiesen Ironie und alles was wir uns vorher erhofft hatten war auf einmal zerstört.”
“[emojis]”

“das mit dem Rauchen ist für mich irgendwie die Hintergrundstimmung, wenn jemand über die Universalität von Krieg und Überlebenskampfs schwadroniert.”
“ich habe wieder angefangen”
“[emojis]”
“[noch mehr emojis]”

EASY,

Videoschleife und Audio CD 29:03 min.

Kampfspiel im Ruhemodus, unterlegt mit Keyboard-Jazz vom Xaver Fischer Trio (UNIQUE 1999).

Felix Thiele

Geboren 1981 in Lübeck
2004 – 07 Justus-Liebig-Universität Gießen
2007 – 10 Hochschule für Künste Bremen
2010 – 14 Hochschule für bildende Künste Hamburg

Ausstellungen
2020 Welt in Teilen Kunstverein St. Pauli, Heiligengeistfeld Hamburg
BROT † SAND Nachtspeicher 23, Hamburg
The Days Are Just Packed THE POOL Heybeliada, İstanbul
Die angstvolle Reise 3 Lichthof (Out For Art), Lübeck
Public Relations Stadtgalerie Kiel
2019 Public Relations Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt
Computer und Papier Jahn & Jahn, München
Ambiance (4 [kiosk]) Ruine HQ, Hannover
Die angstvolle Reise 2 Golden Pudel Club Hamburg
Death Hoax mit Soyon Jung, Westwerk, Hamburg
2018 Zen Poolhaus-Blankenese, Hamburg
Spezibar M.S. Seute Deern, Hamburg
Freetek! Hetzjagd auf Nazis Industry, Lights & Magic (mit Marcel Bisevic), Aktion 2025, Hamburg
Der Mensch in der Revolte Neues Museum Nürnberg
2017 ARBEITEN GEHEN mit Galerie BRD bei Jahn und Jahn, München
No Tomorrowland Kunsthalle Nürnberg
2016 #Summerlove mit VETO Film bei ATP-Bahrenfeld, Hamburg
Exit Art @ JUZ Pragmatisches Jugendzentrum Hamburg
2015 Völkerfreundschaft (JAPAN / ZIMBABWE) IL&M, Kraniche bei den Elbbrücken, Hamburg
Freiheit übers Knie IL&M mit No Future Komplex, Halle für Kunst Lüneburg
NO FUTURE Komplex IL&M mit No Future Komplex, Arthur Boskamp-Stiftung M1, Hohenlockstedt
2014 NO mit Stephan Jäschke, Galerie Genscher Park, Hamburg
Exit Art @Absolventenausstellung der HFBK, Hamburg
Crimescene II mit Gruppe Crime, Fenster am Dobben, Bremen
2012 Superstar 2010 Folgendes, HFBK Hamburg
Crimescene mit Gruppe Crime, Elektrohaus, Hamburg
2011 DON'T READ BOOKS Künstlerhaus FRISE, Hamburg
Industry, Lights & Magic IL&M, Galerie FLUT, Bremen

Veröffentlichungen
Inter City Ausgabe #2 Toxischer Sommer
Der Graue Block Sukultur 2017
Inter City Ausgabe #1 Kalter Sommer

Kontakt
felixthiele[at]felixthiele.com

Fotografie
Johannes Nadeno (You’ll never walk alone, Kriegserklärung, Die angstvolle Reise 2, Message to your 40-year-old self)   Manuel Weber (Zen)   Michaela Eichwald (Handy)   Hayo Heye (Easy, YNWA (Zelt))

Website
Text Sebastian Stein   Design Julian Mader, Max PredigerCode Tilman Junghans